Geschichte
Der Bayerisch-Patriotische Bauernverein und der Katholische Männerverein Tuntenhausen

Graf Ludwig Arco Zinneberg
Bauernvereine mit politischem Anspruch formierten sich jedoch erst in den Jahren des beginnenden Kulturkampfs. Nach der Etablierung eines niederbayerischen Bauernvereines in Deggendorf (05.01.1869) überzog eine Welle von Gründungen lokaler „Bayerisch-Patriotischer Bauernvereine“ die alt- wie neubayerischen Lande. Neben Vereinsgründungen in Oberaudorf, Miesbach, Valley, Erding, Steinhöring, Oberbergkirchen bei Mühldorf oder Obing, um nur einige zu nennen, wurde am 19. September 1869 auch in Tuntenhausen ein „Bayerisch-Patriotischer Bauernverein“ ins Leben gerufen, der im Gegensatz zu seinen Parallelorganisationen überörtliche Bedeutung erlangen und über Jahrzehnte einen gewichtigen Faktor im politischen Leben Oberbayerns darstellen sollte.

Fritz Schäffer
Die Gründungsversammlung war ein voller Erfolg. Nach einer Rede Dallers ließen sich von rund 300 Zuhörern 222 in den Verein aufnehmen. Zum 1. Vorsitzenden wurden Graf Arco-Zinneberg bestimmt, zum 2. Vorstand Johann Baptist Schäfler, Schmidbauer von Schmidhausen. Als Kassier fungierte der Tuntenhausener Huberbauer Sebastian Ehberger, als Schriftführer der Beyhartinger Expositus Caspar Taubenberger. Unter den 20 Beisitzern und Ausschussmitgliedern befanden sich neben Landwirten sechs Pfarre, ein Mesner, je ein Sattler- und Kistlermeister sowie ein Müller. Noch im selben Jahr wurde die erste Generalversammlung anberaumt, Vereinsstatuten am 10. Januar 1870 in Aibling beraten. Als Zweck des Zusammenschlusses sahen sie die fachliche Weiterbildung der Landwirte und die „Besprechung socialer und politischer Tagesfragen… zur Belebung des Standes- und Rechtsbewusstseins des Bürgers und Landsmanns“ vor. Dementsprechend war in erster Linie daran gedacht, nur Bauern und der Landwirtschaft nahe stehende Personen in den Verein aufzunehmen; Standesfremde bedurften vor ihrem Beitritt der Genehmigung durch einen Ausschuss. Eine jährliche Zusammenkunft im September mit feierlichem Gottesdienst und anschließender Tagung sollte die Gemeinschaft stärken und zur Artikulierung und Förderung der landwirtschaftlichen Interessen dienen.

Hans Zehetmair

Balthasar Ritter
In die Jahre des Vereinsvorsitzes von Balthasar Daller, der 1882-1911 Graf Arco nachfolgte und in seiner Stellung als Landtagsabgeordneter und ab 1891 als Führer der bayerischen Zentrumsfraktion die Verbindung zur „großen“ Politik herstellte, fällt die Ausweitung der jährlichen Vereinsversammlungen zu politischen Großkundgebungen von überregionaler Bedeutung, die einen ähnlichen Stellenwert wie die niederbayerischen Aschermittwochsveranstaltungen nach dem Zweiten Weltkrieg erreichten. Kleriker und prominente Parteipolitiker traten vehement gegen liberalistisches Gedankengut und die „preußische Gefahr“ auf. Es entstand, wie es Ludwig Thoma 1909 bissig charakterisierte, ein „Stimmviehmarkt“.
Das nicht zuletzt aus der hohen Popularität seiner Veranstaltungen erwachsende Selbstbewusstsein des Bayerisch-Patriotischen Bauernvereins zu Tuntenhausen äußerte sich darin, dass er sich hartnäckig weigerte sich wie die übrigen katholischen landwirtschaftlichen Organisationen Bayerns ab 1893 im Christlichen Bauernverein (CBV) zu vereinigen und sich damit der Regensburger Zentrale des „Bauerndoktors“ Georg Heim unterzuordnen. Auch Druck durch den CBV, der etwa am 3. September 1911 parallel zur Tuntenhausener „Bauernparade“ demonstrativ eine Konkurrenzveranstaltung mit Heim abhielt, konnte die Einigung nicht erzwingen. Nachdem sich der neue Vereinsvorsitzende, Pfarrer Josef Gasteiger (1911 bis 1919), ein Neffe Dallers, bei Heim über diese Art des Konkurrenzkampfes im katholischen Lager beschwert hatte, wurde schließlich am 12. April 1912 ein Abkommen zur Zusammenarbeit mit der Regensburger Bauernzentrale geschlossen. Der Tuntenhausener Bauernverein sollte nun die sieben Amtsgerichtsbezirke Rosenheim, Prien, Aibling, Miesbach, Wasserburg, Haag, Ebersberg und Teile Erdings und Mühldorfs selbständig bearbeiten, der CBV den Rest Oberbayerns. Vorstöße aus der Vereinsbasis, sich aus finanziellen Aspekten dem Christlichen Bauernverein anzuschließen , blieben auch unter der Vorstandschaft des Ökonomierates Josef Wieser aus Frauenneuharting (1919-1933) ohne Erfolg.
In den bewegten Jahren der Weimarer Republik erhielten die Tuntenhausener Bauerntage als Foren der Agitation gegen den „Berliner Zentralismus“ und für die bayerische Eigenstaatlichkeit neue Bedeutung. Mit Spannung erwartete Stellungnahmen prominenter Politiker der Bayerischen Volkspartei wie des Ministerpräsidenten Heinrich Held, des Innenministers Karl Stützel, des Parteivorsitzenden Fritz Schäffer oder Alois Hundhammers vermittelten ihnen ein neues Gewicht. Wegen seiner markigen Redeweise als Referent besonders beliebt war aber Georg Heim, der hier die demokratische Verfassung Deutschlands als die „untauglichste der Weltgeschichte“ verdammte und die Monarchie sowie den Ständestaat nach Muster des italienischen Faschismus Mussolinis pries, jedoch klar gegen Hitler Stellung bezog.
Das sich das „Bollwerk Tuntenhausen“ als feste Basis der BVP und damit des politischen Katholizismus erwies, blieben Angriffe durch die NSDAP nicht aus. Den Presseattacken gegen den Tuntenhausener Verein als Hort der Reaktion und seine Jahresversammlungen als „Oktoberfest … mit Komikervorstellung“ folgten nach der nationalsozialistischen Machtergreifung handfeste Repressalien. Ein am 21./22.5.1933 in Rott am Inn mit Tausenden von Teilnehmern pompös abgehaltener NS-Bauerntag, als „neues Tuntenhausen“ bezeichnet, kündigte die Wachablösung an. Im Zuge der Zerschlagung gegnerischer Organisationen wurde auch der Bayerisch-Patriotische Bauernverein zur Selbstauflösung gezwungen. Die letzte Generalversammlung am 27.7.1933 in Rosenheim beschloss die Liquidation. Vom Vereinsvermögen konnte ein Drittel für die Wallfahrtskirche und eine Jahresstiftung gerettet werden, der Rest floss „als Spende für die nationale Arbeit“ in die Staatskasse.

Alois Hundhammer
Bei den Vereinstagungen bezogen mit Ministerpräsident Hanns Seidel, Minister Fritz Schäffer oder Franz Josef Strauß hochkarätige Repräsentanten der bayerischen Landes- und deutschen Bundesregierung Stellung zur politischen Lage.
Auch heute wird die konservativ-katholische Tradition ungebrochen gepflegt.
Mit gut 1000 Mitgliedern hat der KMVT im Jahr 2008 die höchste Mitgliederzahl
seit der Vereinsgründung 1945.
Vereinsvorsitzende
Bayerisch-Patriotischer Bauernverein:
1869-1882 Ludwig Graf Arco-Zinneberg
1882-1911 Balthasar Daller
1911-1919 Josef Gasteiger
1919-1933 Josef Wieser
Katholischer Männerverein:
1945-1974 Alois Hundhammer
1974-1989 Max Streibl
1989-2009 Hans Zehetmair
seit 2009
Marcel Huber
Quelle: Text Wolfgang Stäbler aus „Tuntenhausen“ von Ferdinand Kramer 1991 Anton H. Konrad Verlag


